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Gedanken zum Diotima-Buch. Femminismo fuori sesto

Nachdem ich nun das Projekt beendet habe, die für mich interessantesten Artikel aus dem Diotima-Buch Femminismo fuori sesto für unsere Online-Zeitschrift „beziehungsweise-weiterdenken“ ( www.bzw-weiterdenken.de ) zusammenzufassen, will ich nun noch etwas für die Online-Präsenz von Diotima schreiben, worum mich Chiara Zamboni gebeten hat. Es sollte keine Rezension sein, sondern eher ein Weiterdenken, ausgehend von dem, was das Buch in mir angeregt hat.

 

Ich war sehr gespannt auf Femminismo fuori sesto, da ich ein erneutes Nachdenken über den Feminismus gerade jetzt wichtig fand, wo der Begriff „Feminismus“ sogar teilweise im Mainstream angekommen war und es einige Aufbrüche von jungen Frauen gab, die sich explizit als Feministinnen bezeichneten. Auch meine Redaktionskollegin Antje Schrupp stellte bei ihrer Vortragstätigkeit viel Interesse bei jungen Frauen an feministischen Themen fest, einen großen Bedarf an Gesprächen mit älteren Feministinnen und an Informationen über Texte und Themen aus den Anfängen der Frauenbewegung.

Während ich die Idee von Ida Dominijanni, Zerr- und Schreckbilder des Feminismus zu beschreiben, zunächst sehr inspirierend fand, um diese in Diskussionen klar benennen und kritisieren zu können, war ich gerade im Hinblick auf das Gespräch mit jungen Feministinnen nicht einverstanden, dass hier die beiden feministischen Richtungen, von denen sich Differenzdenkerinnen abgrenzen, als solche Zerrbilder bezeichnet werden. Das Wort „spettri“ könnte sogar als „Schreckbilder“ oder „Schreckgespenster“ übersetzt werden. Hier handelt es sich ja nicht nur um Bilder, um Phantasiegespinste, um Fantasmen, sondern um Teile der feministischen Bewegung, bestenfalls um andere Feminismen, mit denen wir nicht einverstanden sind. Ich finde es richtig und notwendig, sie zu kritisieren und die damit verbundenen Gefahren aufzuzeigen, wie dies auch Chiara Zamboni in ihrem Text tut, wenn sie von der „neuen Form des Neutrums“ und der Gefahr spricht, durch das Für-überflüssig-Erklären der Geschlechterdifferenz werde der Weg eröffnet, jeglicher Differenz symbolischen Wert abzusprechen. Während ich Ida Dominijannis inhaltliche Kritik an Gleichstellungspolitik auf der einen und Queerbewegung auf der anderen Seite gut nachvollziehen konnte, störte mich die Überschrift, unter der das geschah. Denn ich glaube, dass sich junge Feministinnen, die sich der Queer- und Gendertheorie zurechnen, durch eine Haltung, die ihr Engagement auf diese Weise pauschal abqualifiziert, nicht gerade zu einem Gespräch eingeladen fühlen, altgediente Gleichstellungsaktivistinnen genauso wenig.

In einem Kommentar zu meiner Zusammenfassung von Ida Dominijannis Text schrieb Antje Schrupp, sie fände insbesondere auch die Parallelisierung von Queerfeminismus und Neoliberalismus schwierig. Natürlich seien feministische Vorstellungen immer auch „Kind ihrer Zeit“, von daher fänden sich sicher Berührungspunkte. Aber sie wolle vor allem das dahinter stehende Begehren verstehen, und das sei groß und authentisch, und es sei nicht zu vergleichen mit einer neoliberalen  Vereinnahmung feministischer Teilargumente. Ihr scheine es manchmal so, als würde hier in manchen traditionell-feministischen Debatten auch ein Zerrbild des Queerfeminismus gemalt, damit man sich nicht ernsthaft die Mühe einer Auseinandersetzung machen müsse. Das erinnere sie dann auch an die Zerrbilder, die früher vom Differenzfeminismus gezeichnet worden seien, mit denselben Motiven. Ihr Fazit: Zerrbilder des Feminismus würden nicht nur von außen, sondern oft auch von uns selber gezeichnet. Und sie hätten die Funktion, dass man die Thesen und Ideen der anderen nicht ernst nehmen müsse. Antje Schrupp fand für sich die Lösung, sich an der Selbstbezeichnung zu orientieren. Wenn die Gesprächspartnerin von sich sagt, Feministin zu sein, führt sie mit ihr eine inhaltliche Auseinandersetzung. Bei Menschen, die sich vom Feminismus distanzieren und als Begründung ein Zerrbild anführen, kritisiert sie das Zerrbild.

Antje Schrupps Haltung steht auch im Einklang mit den Aussagen von Diana Sartori in der Einleitung und von Chiara Zamboni im ersten Teil ihres Beitrags, die man sich nicht oft genug vergegenwärtigen kann: Dass sich Feminismus ereignet hat, sich auch jetzt ereignet, dass sein Leben darin besteht, sich immer wieder und immer von neuem zu ereignen. Dass es immer eine weitere Frau gibt, „die den Unterschied, die Differenz des Feminismus ausmacht, die sich nicht einreden lässt, ein ‚Weniger’ zu sein“ (Sartori, S. 3). Und dass „Feministin“ eine Bezeichnung ist, die zur Verfügung steht, die diejenige sich aneignen kann, die merkt, dass dieses Wort sie betrifft.

Viel Weiterdenken hat Chiara Zambonis Aussage ausgelöst, Feminismus sei eine politisch-symbolische und keine soziale Bewegung. Politisches von Sozialem zu unterscheiden, war für mich ein ganz neuer Gedanke, dessen Sinn ich erst einmal überprüfen musste. Denn wie Gabe und Tausch oder Bedürfnis und Begehren kommt es im Leben ja immer zusammen vor. Mir fielen nach und nach einige Beispiele ein, wo es Sinn macht, Politisches und Soziales gedanklich zu unterscheiden. So verstand ich meine Unzufriedenheit mit manchen Frauentreffen und –tagungen besser, bei denen das Sich-Miteinander-Wohlfühlen einen größeren Stellenwert hatte als die politische Auseinandersetzung. Oder meinen Ärger, wenn ich den Eindruck hatte, dass manche die Zugehörigkeit zu einer politischen Gruppe nur deshalb anstrebten, um sich damit zu schmücken und selbst aufzuwerten. Seit ich diese Unterscheidung zur Verfügung habe, kann ich anderen solche sozialen Bedürfnisse viel besser zugestehen und werde wieder handlungsfähig: Entweder suche ich nach Möglichkeiten, innerhalb dieses Kontextes ein politisches Gespräch zu beginnen und eine politisch-symbolische Arbeit vorzuschlagen oder ich suche mir einen anderen Kontext, in dem das (wieder) besser möglich ist. Ich denke, dass der Verlust an Radikalität in der Frauenbewegung, über den Annarosa Buttarelli in ihrem Beitrag schreibt, ebenfalls mit dem Verlorengehen des Politischen zugunsten des Sozialen zu tun hat. Auf jeden Fall habe ich erkannt, dass ich selbst etwas dafür tun muss, dass Politisches entsteht, anstatt enttäuscht zu sein, weil mir scheinbar nur der Wunsch nach Sozialem entgegenkommt.

 

Um die Möglichkeiten besser zu erkennen, die sich dafür anbieten, fand ich Chiara Zambonis Empfehlung an einen jungen Mann, der in einem sozialen Projekt arbeitet, sehr hilfreich: „Wenn wir subjektiven Wahrheitsmomenten Wert geben können, die scheinbar unwichtig sind, Wunden, die sich im Verborgenen öffnen, oder Entdeckungen und Bewegungen der Seele, führt das dazu, symbolische Veränderungen zu erleben, die nicht in die verlangten Arbeitsprojekte eingepasst werden können. Erfahrungen dieser Art, die nicht sehr sichtbar sind, weil sie außerhalb des Erwartbaren liegen und deshalb besonderer Aufmerksamkeit bedürfen, werden dann zu etwas Politischem, wenn sie mit anderen geteilt werden. Sie wirken sich weder für noch gegen den sozialen Wandel aus, sondern stehen quer dazu, um von dort aus auf einen autonomen Weg symbolischer Kreativität hinzuweisen“ (Zamboni, S. 17).

 

Durch Chiara Zambonis Beitrag habe ich verstanden, dass es sowohl in – dem Namen nach ­– politischen als auch in sozialen Bewegungen großer Wachsamkeit bedarf, damit immer wieder politische Aktivität möglich wird und wir nicht mit dem Sozialen verschmelzen. Ich persönlich finde es sehr hilfreich, dass ich jetzt Politisches und Soziales schon ein bisschen besser unterscheiden kann, auch bei meinen eigenen Bedürfnissen. Ich kann dadurch besser akzeptieren, dass es viele Menschen gibt, die im Gegensatz zu mir mehr soziale als  politische Bedürfnisse haben. Und ich habe verstanden, dass ich mich selbst darum kümmern muss, damit dort, wo ich gerade bin, auch etwas Politisches geschieht, und wo die Ansatzpunkte dafür sind.

 

Neben der hilfreichen Unterscheidung zwischen Sozialem und Politischen sind es vor allem Annarosa Buttarellis Gedanken zu einem „radikalen Feminismus“, an denen ich mit anderen zusammen weiterarbeiten möchte, um verändernde Praktiken daraus zu entwickeln. Mich hat Annarosa Buttarellis Formulierung, es habe noch nie eine Revolution der männlichen fratriarchalen „forma mentis“ gegeben, dazu angeregt, mit großer Wachheit zu beobachten, wo mir diese „forma mentis“, (Geisteshaltung, Ausprägung des Vorstellungsvermögens), im Alltag begegnet. Der Begriff der symbolischen Ordnung, die es umzustürzen gilt, oder die Paradigmen, die abgelöst oder aufgelöst werden müssen, waren zu abstrakt, um dies zu bewirken, obwohl die Autorin sie ja synomym zur „forma mentis“ gebraucht. Ida Dominijanni meint wahrscheinlich etwas Ähnliches, wenn sie zur Kritik am Phallo-Logo-Zentrismus aufruft, der Haltung der meisten Männer, sich selbst und die Art, wie sie wahrnehmen, denken und sprechen, für die einzig mögliche und richtige zu halten, sich selbst und ihresgleichen zum Maßstab für Menschsein zu machen, worin sie ja durch Kultur und Tradition sowie das konkrete Verhalten von Frauen und Männern immer wieder bestätigt werden.

 

Ich verstehe durch Annarosa Buttarellis Text, warum ich oft so unzufrieden über feministische Aktionen war, auch wenn ich kaum benennen konnte, was mich daran störte, und mich schlecht fühlte, wenn ich dem Engagement der dafür aktiven Frauen nicht mehr Wertschätzung entgegenbringen konnte. Ja, diese Aktionen waren mir oft nicht radikal genug, könnte ich jetzt sagen. Denn viele der Aktionen blieben auf der Ebene konkreter Auseinandersetzungen mit Männern oder den von ihnen dominierten Institutionen und hatten es manchmal schwer, sich gegen den Vorwurf zu wehren, es gehe doch letztlich dabei nur um Lobbyarbeit für Fraueninteressen.

 

Noch etwas anderes gefällt mir daran, sich die Kritik an jener patriarchal-fratriarchalen Geisteshaltung zur Aufgabe zu machen. Ich merke nämlich, dass ich zwar empört bin, wenn ich in einer konkreten Situation jene Geisteshaltung wahrnehme, die meine Differenz ignoriert und das noch nicht einmal ahnt, oder mich durch Bevormundung und Tadel zur Anpassung zwingen will. Auch dann, wenn „mansplaining“ eingesetzt wird, um mir deutlich zu machen, dass ich eine angeblich falsche Sichtweise habe. Doch meine Empörung richtet sich dabei gegen die „forma mentis“, die ich durch jede Auseinandersetzung besser beschreiben und besser kritisieren kann, und nicht gegen die Person, die versucht hat, mich in ihre als alleingültige Geisteshaltung erlebte Form zu bringen und meine Differenz als Abweichung und Fehler zu bezeichnen, falls sie sie überhaupt wahrnimmt. Dadurch werde ich authentischer und sicherer in meiner Differenz und souveräner in meiner Kritik.

 

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